· 

Die Katakomben von Wien

Die Totenstadt von Wien und ihr schauriges Erbe 


In unserem letzten Artikel haben wir uns mit der Geschichte des Stefansfreithof beschäftigt. Viele von euch wissen sicher noch, dass dieser 1732 für Bestattungen gesperrt und 1783 gänzlich aufgelassen wurde. Einige Grabsteine dieses Friedhofs zieren noch heute das Mauerwerk des Stephansdoms, doch was ist mit den Toten passiert? 

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen Blick in die Totenstadt Wiens alias Katakomben Wiens riskieren - doch Vorsicht, nichts für schwache Nerven!

Wiens verborgene Totenstadt - selbst entdecken bei einer Katakombenführung!

Beim Betreten des Stephansdoms kann man sich kaum vorstellen, dass sich unweit vom Altar, im südlichen Seitenschiff, der Eingang zur „Unterwelt“ Wiens befindet - den Katakomben. Wer sich dazu entschließt, die Treppen hinabzusteigen, erreicht zunächst die vor kurzem renovierte Herzogsgruft. Diese wurde bereits im 14. Jahrhundert angelegt und vor allem unter Maria Theresia weiter ausgebaut.

Zunächst wirkt der Anblick dieser Gruft befremdlich – hinter Drahtgittern stehen prunkvoll verzierte Metallgefäße, in denen sich die Innereien der Habsburger befinden - in Wien war es üblich, dass die Körper der Adelsfamilie ausgeweidet und die Innereien separat in Metallgefäßen, die mit einer konservierenden Alkohollösung befüllt waren, aufbewahrt wurden.

Die innereienlosen Körper wurden anschließend in der Kaisergruft unter der Kapuzinerkirche und die Herzen in der Augustinerkirche bestattet. Diese Form der Teilbestattung, bei der Körper, Innereien und Herz voneinander getrennt wurden, entwickelte sich aus einer Notwendigkeit heraus: (positive Auswirkung auf die Konservierung des Leichnams):  zur damaligen Zeit gab es keine Möglichkeit den Körper zur Gänze zu konservieren, daher versuchte man durch die Entfernung der Organe eine Verwesung während der Leichenüberführung bzw. der Aufbahrung zu vermeiden.

Im mittelalterlichen Europa nahm diese Art der Teilbestattung schließlich institutionelle Formen an, die vor allem dem katholischen Hochadel vorbehalten blieben. 

 

Die nächsten, angrenzenden Grüfte sind die Bischofsgruft und die Domherrengruft. Wie der Name bereits vermutet lässt, wurden hier die Wiener Kardinäle und Erzbischöfe bzw. die Mitglieder des Domkapitels beigesetzt. Diese wurden nicht, wie die Habsburger, getrennt von ihren Innereien, sondern hinter Marmorplatten bestattet. Diese drei Grüfte bilden den ältesten Teil der Katakomben

Die Neuen Grüfte

Die Neuen Grüfte von Wien (Fotocredit: ArchäoNOW)
Die Neuen Grüfte von Wien (Fotocredit: ArchäoNOW)

Der schaurige Teil der Katakomben, die Neuen Grüfte, wurde 1744 erbaut - ein Netzwerk aus gut 30 Grabkammern, das sich nicht nur unterhalb des Stephansdoms, sondern über den gesamten Stephansplatz und darüber hinaus erstreckt.

Rezent sind zwei Stockwerke bekannt, jedoch wird ein drittes vermutet (durch einen Grundwassereinbruch nicht mehr betretbar).

Ebenfalls erkennt man noch die Verbindungsgänge zu den angrenzenden Häusern, die früher aus Platznot ebenfalls als Karner (Beinhaus) genutzt wurden. Heute sind diese Verbindungsgänge zugemauert und teilweise beschriftet, jedoch lassen sie noch erahnen, welches Ausmaß die Totenstadt von Wien gehabt haben muss.

Nachdem 1732 der Stephansfreithof für Bestattungen gesperrt wurde, wurden in den Katakomben nicht nur die Toten des Friedhofs wiederbestattet, sondern "neue Bestattungen" dazugelegt. Die Toten wurden hierbei, mit und ohne Sarg, bis zur Decke übereinandergestapelt. Sobald eine Gruft vollbelegt war, wurde diese zugemauert und eine neue Grabkammer angelegt. Da es nicht selten bis zu einem Jahr gedauert hat, bis eine Gruft voll belegt war, hat bei vielen der Leichen bereits vor der Schließung der Kammer die Verwesung eingesetzt. 

Der Gestank der Verwesung musste enorm gewesen sein und Berichten zufolge drang dieser sogar durch den Bodenbelag des Stephansdoms, der daraufhin gesperrt werden musste. 

"Gruselführung" Katakomben von Wien - früher und heute

Die schaurigen Knochenberge der Wiener Katakomben (Fotocredit: ArchäoNOW)
Die schaurigen Knochenberge der Wiener Katakomben (Fotocredit: ArchäoNOW)

Bis zum endgültigen Verbot der Katakombenbestattungen 1783 wurden weit über 10.000 Menschen unter dem Stephansdom bestattet.

Ein Teil der Neuen Grüfte des Stephansdoms ist heute noch im Zuge von Führungen für Besucher zugänglich. Durch dicke Eisengitter hindurch können die Knochenberge und Sargreste der damaligen Bestattungen betrachtet werden.

Doch solche „Gruseltouren“ durch die Katakomben existieren schon seit 200 Jahren.

Der älteste Bericht über eine solche Führung stammt von Frances Trollope, die im Dezember 1836 die Wiener Katakomben besuchte: 

„Wir erreichten eine große viereckige Gruft, wo unser Führer haltmachte und uns, indem er das Licht niedrig hielt, auf dem Boden, der von ungeheuren Massen widerlichen Moders hügelig war, eine Menge ganz nackter Leichen, ohne Särge und in jeder Stellung, zeigte, wie sie der Zufall nur hatte bewirken können … Nachdem unser Führer uns Zeit gelassen hatte, uns umzusehen und die ganze abscheuliche Szene zu überblicken, fasste er einen dieser kläglichen Überreste eines menschlichen Wesens an der Gurgel, hob die Leiche vor unseren Augen empor, ließ sie vor uns aufrecht stehen, schwenkte dabei seine Fackel so, dass wir sie in ihrer ganzen Hässlichkeit sehen konnten, [...] dann ließ er die rasselnde Leiche vor unseren Augen hinfallen, hob eine andere auf, sagte, dass sie ein Frauenzimmer wäre, erhob dann eine dritte, stützte sie mit der Hand, womit er das Licht hielt, gegen seinen Körper und riss mit der anderen lange Streifen der vertrockneten Haut auf, um zu zeigen wie zäh sie sei.“

Ganz so furchterregend und makaber sind die heutigen Katakombenführungen nicht, dennoch ist Gänsehautfeeling garantiert!

Wer sich für die Geschichte Wiens bzw. deren Toten interessiert, sollte unbedingt die Gelegenheit wahrnehmen und eine Führung durch die Katakomben Wiens machen! 

 

An dieser Stelle möchten wir Florian Bauchinger, unserem hervorragenden Tour-Guide, danken, dass er uns in die schaurige Welt der Wiener Totenstadt entführt und wieder heil zurück gebracht hat! =D

 

Wir wünschen euch noch eine schaurige Zeit!

 

Jetzt in Kombination mit einer Rätselrallye eine Katakombenführung buchbar.

 

Euer ArchäoNOW-Team


Text:

Sarah Ambichl, BSc.

Teil des ArchäoNOW-Teams und Studentin der Anthropologie und Archäologie

Kommentar schreiben

Kommentare: 0