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Die Vampirfürstin von Schwarzenberg


Nicht geostet, gepfählt und enthauptet - Vampirbestattungen in Krumau
Nicht geostet, gepfählt und enthauptet - Vampirbestattungen in Krumau

Im Jahr 2007 fanden Archäologen bei Grabungsarbeiten in der Nähe des alten Friedhofs von Krumau drei männliche Skelette. So weit, so unspektakulär. Doch diese Bestattungen waren anders als alle anderen um sie herum. Sie waren nicht geostet.

Was bedeutet das? Ihre Gesichter blickten nicht nach Jerusalem und damit nach damaligem Glauben dem Jüngsten Tag und der Auferstehung entgegen. Weiters waren sie mit Steinen beschwert und ihre Brustkörbe wiesen merkwürdige Verletzungen auf. Scheinbar wurden sie gepfählt. Einer der Männer wurde sogar geköpft und sein Kopf zwischen seine Beine gelegt.

 

Auch die Lage außerhalb des Hauptfriedhofs ist ungewöhnlich. Sie war normalerweise Ausgestoßenen, Verbrechern und Sündern vorbehalten. Diesen Männern wurde nicht nur die Symbolik der Auferstehung verwehrt, es wurde scheinbar alles unternommen, um sie am Auferstehen zu hindern.

 

Beim geschilderten Vorfall handelte es sich um eine sogenannte Vampirbestattung. Diese sollten die Wiederkehr der Verstorbenen als Untote verhindern und sind in unterschiedlichen Ausformungen bis in die Antike belegbar. Nach einer Datierung der Skelette schwinden auch die letzten Zweifel: Sie verstarben Mitte des 18. Jahrhunderts, einer Zeit, in der durch die Habsburgerlande eine wahre Vampirhysterie ging. Am schlimmsten traf sie ländliche, isolierte Gebiete im äußersten Osten der Kronländer – dort wurden aus Angst vor Vampiren und Nachzehrern ganze Friedhöfe ausgegraben und posthum verbrannt. Eine wohlhabende kleine Stadt wie Krumau passt aber nicht wirklich in das Schema. Warum also finden wir hier eindeutig belegbare Vampirbestattungen?

Eleonore von Schwarzenberg
Eleonore von Schwarzenberg

Die wahrscheinlichste Antwort darauf ist die damalige Herrscherin der Stadt: Eleonore von Schwarzenberg.

 

Die 1682 als Eleonore Elisabeth Amalia Magdalena von Lobkowitz geborene Adelige heiratete 1701 in das mächtige Haus Schwarzenberg. Ihre Ehe mit Adam Franz Karl verlief aber schwierig, da ihr Vater die versprochene Mitgift nicht stemmen konnte und sie zunächst keinen männlichen Erben gebar.

 

In ihrer Verzweiflung darüber suchte sie Hilfe bei den besten Ärzten ihrer Zeit und als auch das nicht half, versuchte sie immer merkwürdigere und okkultere Methoden. Sie ließ eine Wolfszucht in ihrem Schloss in Krumau einrichten, um von der angeblich fruchtbarkeitssteigernden Kraft der Wolfsmilch – ein Aberglauben, der auf Romulus und Remus zurückging – zu profitieren. Spätestens jetzt, als jede Nacht die Wölfe auf dem Schloss heulten, dürften die Anwohner*innen erstmals befremdet gewesen sein.

Dass Eleonore nach der Versöhnung mit ihrem Mann dann auch noch im für damalige Verhältnisse geradezu biblischen Alter von 41 schwanger wurde und endlich den ersehnten Stammhalter gebar, half bestimmt nicht, dieses Misstrauen zu mildern.

 

Die Situation verschlimmerte sich radikal, nachdem ihr Mann bei einem Jagdunfall ums Leben kam. Die zeitlebens gesundheitlich angeschlagene Eleonore gab immer größere Unsummen für Ärzte und obskure Heilmittel aus und konsultierte immer öfter namhafte Okkultisten. Angeblich soll sie sogar versucht haben, ihren Mann von den Toten zurückzuholen. Zweifellos belegt ist, dass sie an schwerer Insomnie litt und nächtelang ruhelos durch ihr Schloss wanderte. Nächtliches Wolfsgeheul und flackernde Lichter im Schloss der okkultismus-begeisterten Fürstin. Langsam wurde es wirklich schaurig.

 

„Graut Liebchen auch? .. Der Mond scheint hell!

 Hurrah! die Todten reiten schnell!

 Graut Liebchen auch vor Todten?“ –

„Ach nein! .. Doch laß die Todten!“

Gottfried August Bürger: Lenore, angeblich inspiriert durch Eleonore von Schwarzenberg

 

An diesem Punkt schien sogar ihr Leibarzt Franz von Gersdorf profunde Vorbehalte entwickelt zu haben, denn als Eleonore 1741 im Palais Schwarzenberg verstarb, ordnete er eine Obduktion an. Bei Mitgliedern des Hochadels, bei denen ein natürlicher Tod angenommen wurde, war das ein höchst ungewöhnlicher Schritt. Bei der Leichenöffnung stellte er zwar Gebärmutterhalskrebs im Endstadium fest, trug es aber nicht als Todesursache ein. Mehr noch: Es wurde überhaupt keine Todesursache vermerkt. Auch die Kosten der Obduktion waren vielfach höher als üblich, was zu der Vermutung führte, dass hier vielleicht eine Art Schweigegeld gezahlt wurde.

Es kam auch die Theorie auf, dass die Entnahme ihres Herzens bei der Obduktion quasi eine „Ersatzpfählung“ darstellen sollte. Das ist aber nicht belegbar, da es bei Hochadeligen durchaus üblich war, die Herzen zu entnehmen und getrennt zu bestatten. Bei ihrem Mann geschah dies auch und er wurde bestimmt nicht des Vampirismus beschuldigt. Was allerdings Fragen aufwirft, ist, warum sie nicht in Wien bestattet wurde. Sie verstarb in Wien, die Familiengruft der Schwarzenbergs ist unter der Augustinerkirche in Wien und ihr Mann liegt ebendort bestattet. Warum wurde sie nicht mit ihrer Familie zur Ruhe gebettet, sondern aufwändig nach Krumau gebracht? Und warum wurde ihr Sarg dort eigens unter einer schmucklosen Seitennische eingemauert? Weit weg von allen anderen? Es erinnert auch nur eine einfache Steinplatte mit ihrem Namen und einem Totenkopf an sie und auch diese wurde bald verdeckt.

 

Es gibt Parallelen zu den eingangs erwähnten Vampirbestattungen. Klare Trennung von der Gemeinde, Beschwerung mit Steinen, in ihrem Fall durch die Einmauerung, und die – wenn auch strittige – „Ersatzpfählung“ durch die Entnahme des Herzens. Die drei Männer auf dem Friedhof starben aufs Jahrzehnt genau zur selben Zeit wie Eleonore. Nach damaligem Glauben konnten Vampire alle nach ihnen bestatteten Toten um sich herum zu Vampiren machen.

 

Wurde hier sichergegangen, dass die vermeintliche Vampirfürstin keinen Schaden anrichtet?


Text von:

Mag. Gregor Schwayer, GRAD Magazin

www.dasgrad.com

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