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„Und schon wieder rollt ein Kopf…

…über das Pflaster uns'rer Stadt und schon wieder wird die Frage laut, wer ihn verloren hat?“*


Diese Frage haben sich im Mittelalter und in der Frühneuzeit sicherlich viele Menschen gestellt, denn öffentliche Hinrichtungen lösten damals, vor allem ab dem 18. Jahrhundert, eine große Faszination aus und wurden vom Volk mehr oder weniger als Feiertage betrachtet und vom Großteil besucht, ja, auch von Kindern! Wir können das mit dem heutigen Fernsehen vergleichen: es diente zur Unterhaltung, wie auch die Gladiatorenkämpfe im Alten Rom. Für uns heutzutage eine furchtbare Vorstellung, damals jedoch rauer Alltag.

 

Geschlecht und Stand entschieden über die Art der Hinrichtung. Die „unehrenhafteste“ Todesstrafe war das Hängen und somit natürlich für Menschen von niederem Stand bestimmt. Diese Hinrichtungsmethode wurde bereits in unserem vorherigen Blogartikel behandelt, ebenso das Ertränken, welches beinahe nur bei Frauen angewandt wurde. Die „würdevollste“ Strafe war die Enthauptung. Sie war Personen des höheren Standes vorbehalten. 

Um die Macht der damaligen Obrigkeit besser zur Schau stellen, die Bevölkerung vor Straftaten abzuschrecken und um den Unterhaltungswert einer öffentlichen Hinrichtung zu steigern, fanden viele Enthauptungen auf einem Schafott, auch Blutgerüst genannt – einem bühnenähnlichen Podest – statt. 

 

Mehr erfahrt ihr in unserem heutigen Blogeintrag...

Der Anfang vom Ende

Vermutlich rituelle Enthauptung aus der Steinzeit**
Vermutlich rituelle Enthauptung aus der Steinzeit**

Enthauptungen wurden jedoch nicht erst im Mittelalter vollzogen, sondern bereits in der Steinzeit praktiziert!

 

Die älteste Überlieferung für eine menschliche Enthauptung weist eine archäologische Fundstelle in Ost-Zentral-Brasilien, Lapa do Santa, auf und wird auf etwa 12.000 Jahre vor heute datiert. Aufgrund der Fundlage des menschlichen Schädels und der amputierten Hände, welche vor das Gesicht gelegt wurden, wird eine rituelle Enthauptung angenommen.

 

Im Alten Ägypten zeigen Wandmalereien unter anderem Pharao Ramses II. bei einer Enthauptung mittels Axt.

Das Köpfen der Feinde entwickelte sich unter den Kelten zu einem eigenen „Schädelkult“: Wer im Besitz des abgetrennten Kopfes des Feindes war, nahm dessen Wissen und Kraft in sich auf. Ob das tatsächlich so war, werden wir wohl nie wissen, aber die Aufbewahrung der abgetrennten Köpfe diente sicherlich zur Abschreckung. Teilweise wurde auch bei eigenen Toten der Kopf getrennt vom Körper beigesetzt. 

Des Henkers Werkzeug

Die „klassische“ Methode der Köpfung führte der Henker mit dem Henkersbeil oder dem Henker- bzw. Richtschwert durch. Wie bereits in unserem Henkersartikel näher erläutert, ist die Enthauptung mit dem Schwert oder dem Beil eine schwierige Aufgabe, die großes handwerkliches Geschick und jahrelange Übung benötigt. Bei einer schlechten Durchführung wurde der Henker oftmals selbst bestraft.

 

Manche Richtschwerter waren mit kunstvollen Gravierungen und Inschriften verziert, wie z.B. das Meraner Richtschwert mit folgendem Vers: „Wan dem armme Sünder wirdt abgesprochgen das leben / dan wirdt Er unter meine handt gegeben. Anno 1733.“ Die Bedeutung dieser Inschrift ist wohl selbsterklärend. Im Jahr 1733 wurde das Meraner Richtschwert hergestellt, befand sich im Besitz einer Scharfrichtfamilie und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Wiederentdeckt wurde es in der Sammlung von Erzherzog Johann von Österreich auf Schloss Schenna, seither kann es im Schlossmuseum besichtigt werden. 

Meraner Richtschwert mit sehr gut erhaltenen Gravuren und Inschrift***
Meraner Richtschwert mit sehr gut erhaltenen Gravuren und Inschrift***

Was ist an einem Richtschwert so besonders und in wie fern unterscheidet es sich von einem normalen Schwert? 

Richtschwert aus Norddeutschland****
Richtschwert aus Norddeutschland****

Nun, ein Henkersschwert hat meist eine zweischneidige, flache Klinge und keine scharfe Spitze (in der Fachsprache Ort genannt), sondern weist entweder einen viereckigen, halbrunden oder flach abgerundeten Ort auf.

Die fehlende Spitze betont vermutlich nur das Symbol der Gerichtsbarkeit, um es klar von der Kriegsführung abzugrenzen. Außerdem ist ein Richtschwert bis zu 4 kg schwer gewesen, ein beachtliches Gewicht, wenn man bedenkt, dass ein Langschwert ein Gewicht zwischen 1 und 2 kg hatte.

Die Guillotine und ihre Vorläufer

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die maschinelle Enthauptung. Die meisten denken dabei vermutlich an die Guillotine. Fällt dieser Name, haben wir oftmals das Bild von Marie-Antoinette von Österreich-Lothringen vor Augen, die im Zuge der Französischen Revolution guillotiniert wurde.

 

Die Guillotine war jedoch nur eine Weiterentwicklung mechanisierter Beile und hatte ein Vorbild aus Schottland sowie mehrere Vorläufer aus z.B. Italien und Deutschland. Sie ist uns vermutlich deswegen am besten im Gedächtnis geblieben, weil sie bis zur offiziellen Abschaffung der Todesstrafe in Gebrauch war. In Österreich wurde die Todesstrafe unter Joseph II. 1787 abgeschafft und durch Zwangsarbeit ersetzt; nach einigen Jahren jedoch wieder für schwere Straftaten eingeführt und erst 1968 endgültig abgeschafft!

Halifax Gibbet*****
Halifax Gibbet*****

Die Römer verwendeten bereits ähnliche Hinrichtungsinstrumente mit Fallbeilen.

 

Die ersten mechanisierten Beile waren ab dem 13. Jahrhundert in Neapel und in Italien als Welsche Falle bzw. Mannaja, zu Deutsch Hackbeil, in Gebrauch, in Schottland kam zu Beginn das Fallbeil von Halifax, genannt „Halifax gibbet“ zum Einsatz und vom 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts die „Scottish Maiden“, schottische Jungfrau. In den deutschsprachigen Ländern waren diese Fallbeile unter „Dille“, „Diele“ oder „Hobel“ bekannt.

Bei der Einführung der Guillotine denkt man vermutlich an weitere Grausamkeiten, jedoch ist genau das Gegenteil der Fall. Der Antrag zur Einführung einer Köpfmaschine wurde von Joseph-Ignace Guillotin, ein französischer Arzt und Politiker, auf Bitten des Scharfrichters von Paris Charles Sanson gestellt, um den Opfern größere Leiden ersparen zu können. Als bekanntes Beispiel ist hier die Königin Maria Stuart zu nennen, deren Köpfung erst nach drei Schlägen erfolgreich durchgeführt worden war, da der auszuführende Henker nervös und unerfahren war. Diese Schmerzen wollen wir uns nicht vorstellen können… Die Hinrichtungsmaschine sollte einen raschen, sicheren und vor allem halbwegs schmerzlosen Tod gewähren.

Die Guillotine - der schnelle Tod******
Die Guillotine - der schnelle Tod******

Nach Antragsbewilligung wurde der königliche Leibarzt Antoine Louis damit beauftragt, ein Gutachten bzw. Entwurf zu erstellen, als Vorbild hatte er das schottische Halifax gibbet vor Augen. Der deutsche Klavierbauer Tobias Schmidt konstruierte die erste Guillotine nach Louis‘ Entwürfen. Zu Beginn wurde die Guillotine noch Louison bzw. Lousiette genannt, jedoch setzte sich der Name Guillotine durch, zur Missbilligung von Joseph Guillotin, der diese Einführung lediglich empfohlen, jedoch nicht entworfen hatte.

 

Eine Köpfung durch die Guillotine ging daher im Vergleich zur manuellen Durchführung recht rasch von statten. Bei den ersten Anwendungen zeigten die Zuschauer sogar einen gewissen Unmut über die schnelle Hinrichtung… Manchen Berichten zufolge wurde jedoch auch mit der Guillotine nicht immer beim ersten Fall des Beiles der Nacken komplett durchtrennt… 

Die Konstruktion der Guillotine

Im Laufe der Zeit entwickelten sich verschiedene Modelle der Guillotine, aber die Grundkonstruktion blieb die gleiche:

 

Zwei Holzpfosten sind oben mit einem Querbalken verbunden, dazwischen liegt ein scharfes und schweres Fallbeil aus Eisen, ursprünglich halbmondförmig, durch eine abgeschrägte Schneide optimiert, welches in Fälzen herabgelassen wird. Am unteren Ende der Guillotine befindet sich eine Bank, auf welcher der Verurteilte bäuchlings festgebunden war und seinen Kopf in ein senkrecht stehendes Brett mit einem runden Ausschnitt legen musste. Mit einem weiteren Brett, ebenfalls mit Halsausschnitt, wurde der Nacken eingeschlossen. Das Fallbeil wurde durch einen Auslösemechanismus für die Verurteilung losgelassen. Der Kopf rollte meistens in einen dafür vorgesehenen Korb oder Sack.

 

Mit der Einführung dieser Hinrichtungsmaschine wurden erstmalig auch Bürger und einfache Leute enthauptet und nicht nur die Oberschicht, in Österreich wurde statt der Guillotine jedoch weiterhin der Würgegalgen eingesetzt, erst im Nationalsozialismus kam die Guillotine in Gebrauch.

 

Zum Glück wurde in Österreich die Todesstrafe abgeschafft und wir müssen nicht mehr bangen, unter die Guillotine oder gar unter des Henkers Hände zu kommen! Auch wenn der Grundgedanke für die Erfindung dieser Hinrichtungsmaschine eine humane Idee war, um die Qualen des Hinzurichtenden zu lindern und einen unschuldigen Menschen – den Henker – nicht mehr das Blut und das Leben eines Menschen anzulasten, entwickelte sich jedoch aufgrund des menschlichen Abstandes eine maschinelle Abhandlung von Hinrichtungen, die zunehmend sehr viele Opfer, vor allem während der Französischen Revolution, hervorgebracht hat. Ob es ohne diese Maschine weniger gewesen wären, werden wir leider nie erfahren…

 

Heute haben wir eine sehr bekannte Hinrichtungsmethode behandelt, ob die kommenden auch den meisten geläufig sein werden...? 


*Textquelle: Versengold: Und schon wieder rollt ein Kopf, auf: ebd.: Ketzerey, Fuego 2008, Nr. 12.

**Bildrechte Rituelle Enthauptung: https://www.mpg.de/9660260/enthauptung-bestattung-amerika

***Bildrechte Meraner Richtschwert: Foto (C) F. Spiegelfeld, 2011.

****Bildrechte Richtschwert aus Norddeutschland: Schlossmuseum Jever

*****Bildrechte Halifax GPaul Glazzard / The Halifax Gibbet / CC BY-SA 2.0
******Bildrechte Guillotine: https://www.britannica.com/topic/guillotine/media/248765/219748


Text:

Manuela Supan, BA.

Teil des ArchäoNOW-Teams und Studentin der "Urgeschichte und Historischen Archäologie" 

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