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Die Legende des Hl. Martin


Die meisten von uns kennen sicherlich das traditionelle Martinigansl. Und wenn wir an einem Laternenzug mit Kleinkindern vorbeigehen, die gerade das Lied „Ich geh mit meiner Laterne“ singen, denken auch wir Erwachsene nostalgisch daran zurück, als wir damals voller Stolz unsere Laterne getragen und gefeiert haben. Aber was genau feiern wir eigentlich am 11. November zu „Martini“ und warum essen wir dazu eine Gans? Und wieso gehen wir mit einer Laterne, um den Heiligen Martin zu ehren?

Martin von Tours

Wir lernen zwar in der Grundschule die Geschichte des Hl. Martins und wie er damals seinen roten Mantel mit einem armen Mann geteilt hat, aber wisst ihr auch, wer er war und woher er kam? 

 

Um 316 nach Christus wurde Martin von Tours in Szombathely (Ungarn) als Sohn eines heidnischen römischen Tribuns geboren, von dem er jedoch christlich erzogen worden ist. Generell wird angenommen, dass er seinem Vater zuliebe mit nur 15 Jahren in die römische Reiterarmee eintrat, jedoch befahl Kaiser Konstantin I. damals, dass alle Soldatensöhne der römischen Armee zu dienen hatten. Selbst als Soldat war er gütig und behielt von seinem Sold meist nur das, was er zum Leben brauchte, den Rest gab er oft den Armen. Er wurde schließlich mit

18 Jahren christlich getauft. 

Die wohl bekannteste Legende des Hl. Martin:  Das Teilen des römischen Umhangs*
Die wohl bekannteste Legende des Hl. Martin: Das Teilen des römischen Umhangs*

In der wohl bekanntesten Legende vom Hl. Martin wird seine christliche Nächstenliebe besonders hervorgehoben:

Als er um 338 zum Stadttor von Amiens ritt, traf er einen in Lumpen gehüllten Bettler an und hatte als einziger Mensch Mitleid mit ihm, sodass er seinen Mantel mithilfe seines Schwertes teilte und dem Armen die eine Hälfte schenkte. Alle anderen sahen beschämt oder verächtlich weg und halfen ihm nicht.

 

Was sich vielleicht so mancher von uns frag – was macht ein armer Bettler mit einem halben Mantel? Nun, da Martin zum damaligen Zeitpunkt bereits ein hoher Offizier war, trug er einen großen, römischen Umhang – selbst wenn man diesen teilte, konnte man sich darin wohlig warm einmurmeln! 

Eine Engelsschar und der vermeintliche Bettler erschienen Martin in der darauffolgenden Nacht im Traum und der Bettler gab sich als Jesus Christus zu erkennen, der ihn ob seiner Barmherzigkeit prüfen wollte. Dieser Traum ließ ihn über sein Leben und Wirken nachdenken, der schließlich dazu führte, dass er 25 Jahre später, etwa 356, aus dem Militär ausschied, da das christliche Leben sich nicht mit dem Soldatendienst vereinbaren ließ.

 

In der „Vita Sancti Martini“ berichtet Sulpicius „Severus“ Martins Absage an den Kaiser wie folgt: 

 

„Bis heute habe ich dir gedient, Herr, jetzt will ich meinem Gott dienen und den Schwachen. Ich will nicht mehr länger kämpfen und töten. Hiermit gebe ich dir mein Schwert zurück. Wenn du meinst, ich sei ein Feigling, so will ich morgen ohne Waffen auf den Feind zugehen.“

*entnommen aus der Vita Sancti Martini, verfasst von Sulpicius Severus, um 395

 

Danach wurde er unter anderem zum Exorzisten geweiht, wurde Mönch, missionierte durch Länder, lebte Zeit seines Lebens asketisch, zeitweise sogar als Einsiedler und ließ sich letztendlich in Frankreich, in Tours, nieder.

Der Hl. Martin und die Gänse

Verrat durch Gänse - werden sie deshalb gegessen?**
Verrat durch Gänse - werden sie deshalb gegessen?**

Eine zweite Legende, die gerne erzählt wird, handelt um seine Weihe zum Bischof von Tours.

 

Als der alte Bischof starb, wollten die Menschen Martin als neuen Bischof. Der Sage nach fühlte er sich dieser Aufgabe nicht würdig und dieser Verantwortung nicht gewachsen, daher versteckte er sich in einem Gänsestall. Die Gänse erschraken und meldeten diesen Eindringlich mit wildem und lautem Geschnatter, sodass die Menschen darauf aufmerksam wurden und sicherheitshalber nach dem Rechten sahen. So wurde Martin letztlich doch entdeckt und zum Bischof von Tours geweiht. Eine andere Variante erzählt davon, dass er während seiner Predigt als Bischof von schnatternden Gänsen unterbrochen wurde.

Ob die Gänse ihn nun verraten oder unterbrochen hatten – in beiden Fällen müssen sie bis heute Buße tun, indem sie zu Sankt Martin gebraten werden – zumindest erzählt man sich das.

 

Die wahren Hintergründe der Martinigans

Das Martinigansl hat aber eigentlich einen ganz anderen Hintergrund: Der St. Martinstag war früher auch der Hauptzinstag der Bauern, an diesem Tag begann sozusagen das neue Wirtschaftsjahr, der gleichzeitig einiges an Aufgaben mit sich brachte, unter anderem wurde der Dienerschaft der Lohn ausbezahlt, Zins musste abgeführt werden, Zinsverträge wurden abgeschlossen und das Gesinde durfte an diesem Tag – ebenso wie an Maria Lichtmess – den Bauern bzw. Dienstherrn wechseln. 

 

Der Gans kommt an diesem Tage eine besondere Bedeutung zu, denn der 11.11. war auch ein Schlachttag, an dem das Vieh geschlachtet wurden, da sich deren Durchfüttern über den Winter nicht rentierte bzw. aufgrund knapper Vorräte oftmals nicht möglich war. So auch die Gans, die manchmal auch als Zinsbeigabe an die Grundherren diente und als „Lesgans“ bei der Weinlese den Helferlein geschenkt wurde. Vor dem großen Fasten in der Adventzeit – damals begann diese bereits am 12. November als 40-tägige Fastenzeit (wie die Passionszeit), die sogenannte „Martinsquadragese“ – labte man sich also gerne an dem frisch geschlachteten Gansl – hatte man am nächsten Tag „Martinsschmerzen“, so hatte man wohl zu tief ins Glas geschaut und sich übergessen! Daraus entwickelte sich unser heutiges traditionelles Ganslessen. Apropos, es wurden auch Gans-Wettkämpfe, auch bekannt als Ganslreißen oder -schlagen, abgehalten. 

 

Übrigens, Gänse dienten auch als Wächter- und Alarmanlage! Sie waren im Alten Rom hoch angesehen, da sie bei einem Überraschungsangriff der Gallier die schlafenden Bewohner durch ihr Geschnatter noch rechtzeitig wecken konnten und die Stadt somit erfolgreich verteidigt wurde. Des Weiteren sind Gänse überaus lernfähig, wachsam und haben ein sehr gutes Sehvermögen. In Teilen Schottlands wird die Gans noch heute in Whiskey-Destillerien als "Wachhunde" eingesetzt!

Sancti Martini

Aber nun zurück zum Hl. Martin: er war beim Volk ein recht beliebter Mann, stets fürsorglich und half den Armen und Kranken. Er war auch ein gerechter und treusorgender Bischof und führte Missionsreisen durch sein ganzes Bistum in Frankreich. Bis zu seinem Ende blieb er seiner schlichten Lebensart und demütigen Haltung treu. Er äußerte damals als einer der wenigen Bedenken gegen die Übernahme von den römischen Elementen des Kaiserkultes, wie z.B. Throne für Bischöfe, Verehrung durch Proskynesis, Verwendung von Weihrauch usw.

 

Saint-Martin de Tours: in ihrer Krypta befindet sich das Grab des Hl. Martin***
Saint-Martin de Tours: in ihrer Krypta befindet sich das Grab des Hl. Martin***

Er starb am 8. November während einer seiner Missionsreisen im Jahr 397 und wurde nach Tours gebracht, wo er drei Tage später beigesetzt wurde, deswegen gedenken wir heutzutage dem 

Hl. Martin am 11. November.

 

Er war der erste Nichtmärtyrer, der heiliggesprochen und von König Chlodwig I. zum Schutzherrn der fränkischen Könige und des Volkes erklärt wurde. Der Heilige Martin wird meistens als römischer Reiter mit Mantel und Gänsen dargestellt, manchmal auch als Bettler mit dem roten Umhang. 

 

 

Über seinem Grab wurde eine Kapelle errichtet, die von vielen Pilgern besucht wird. Mittlerweile gibt es sogar zwei Martinus-Pilgerwege, genannt „Via Sancti Martini“. Die Mittelroute verläuft von Szombathely (Ungarn), Österreich (u.a. auch durch Klosterneuburg, Nähe Wien), Deutschland, Luxemburg, Belgien nach Tours (Frankreich) und die sogenannte Südroute beginnt ebenso in Szombathely, geht dann jedoch über Slowenien, Kroatien, Italien, nach Tours (Frankreich).

Martinibräuche

Neben der Martinigans – und in seltenen Fällen gab es auch das Martinischwein – ist einer der bekanntesten Martinibräuche sicherlich das Laternenfest. Das hat verschiedene Ursprünge, einerseits wurden früher vermehrt Martinifeuer entzündet – die heutigen Kinderlaternen können daher als ein Relikt davon angesehen werden. Andererseits ist am 10. November der Gedenktag Martin Luthers und der Vorabend des Martinifestes, daher versammelten sich an diesem Abend die Menschen und ihre Kinder mit Lampions aus Papier, um dem Reformator und dem Hl. Martin zu gedenken. 

 

Mancherorts wird das Laternenfest als Martinsumzug gefeiert: an der Zugspitze reitet der „Heilige“, welcher manchmal von einem „Bettler“ begleitet wird, dicht gefolgt von Kindern mit ihren Papierlaternen, die zu Ehre des Heiligen Martins Lieder singen. Dieser Umzug ist aus der kirchlichen Lichtsymbolik nicht mehr wegzudenken, welche mit Allerseelen (2.11.) beginnt und mit Lichtmess (2.2.) endet.

In manchen Gegenden ziehen singende Kinder – wie die Sternensänger – von Tür zu Tür und ersuchen um Gaben wie Äpfel, Gebäck und Nüsse – „Martinisänger“ wäre dafür doch ein passender Name? Auch dieser Brauch geht auf den Zinstag zurück, da damals einiges in Naturalien bezahlt worden ist.

 

Das sogenannte „Martiniloben“ ist im Burgenland bekannt, dort wird – in einigen Orten immer noch – am 11.11. der erste Jungwein getrunken. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es üblich gewesen, dass der junge Wein nach dem größten Martini-Trunkenbold benannt wurde – so entstanden Weinnamen wie Franzl- oder Gustlwein. In den Niederlanden gab es das Armenbrauchtum: am 11. November wurde Wein an die Bettler ausgeschenkt.

 

Dies hier war nur ein kleiner Auszug der Martinibräuche – wir könnten diese Liste noch lange fortführen! Von all diesen Traditionen haben sich leider nicht mehr so viele erhalten – heutzutage verbinden wir mit Martini hauptsächlich das Ganslessen und das Laternenfest. Glücklicherweise haben sich sehr viele Lieder bis heute erhalten und mancherorts werden bis heute Martinifeuer entzündet oder das Martinisingen gelebt! Wir sollten auf jeden Fall an diesen Traditionen festhalten und vielleicht können wir ja einige der anderen Bräuche wiederaufleben lassen?

 

Euer ArchäoNOW-Team


*Bildquelle: Rupprecht@kathbild.at, Franz Josef Rupprecht

**Bildquelle: Pflastermosaik in Freiburg vor dem Kreuzgang von St. Martin, Andreas Schwarzkopf

***Bildquelle: Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Saint-Martin_de_Tours#/media/Datei:Tours,_Saint_Martin.JPG),  Parsifall


Text:

Manuela Supan, BA.

Teil des ArchäoNOW-Teams und Studentin der "Urgeschichte und Historischen Archäologie" 

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