Die Patienten des Narrenturms


*Fotocredit Titelbild: VIENNA.at/Verena Kaufmann, Naturhistorisches Museum Wien/K. Kracher

In unserem letzten Blogartikel haben wir uns mit der Entstehungsgeschichte und den architektonischen Hintergründen des Narrenturms beschäftigt. Wie versprochen, schreiben wir diese Woche über die armen Seelen, die im „Guglhupf“ behandelt wurden…

Die Patienten des "Irrenturms"

Geisteskrankheiten waren bisher nicht als Krankheit oder „heilbar“ angesehen worden. Solche Menschen waren für die damalige Bevölkerung schlichtweg „Verrückte“, keine Kranken oder Patienten, denen geholfen werden musste. Aber wer genau kam nun in diesen Turm?

 

Seit dem Mittelalter gab es in Wien einen kleinen Raum vor dem Fischbrunnen am Fischbrunnenhaus (Hoher Markt 1), in dem „Irrsinnige“ eingesperrt werden konnten. Davor befanden sich zusätzlich Käfige, in denen Unruhestifter, Trunkenbolde, Dirnen, Zauberer und Wahrsager festgehalten werden konnten („Narrenkotter“). Diese Menschen verbrachten nur kurze Zeit in den Käfigen, bis die Wiener Bevölkerung sich an ihnen satt „genarrt“ hatte. In der Zeit waren sie dem Gelächter und dem Spott ausgesetzt.

 

Zusätzlich konnten „Irrsinnige“ bis Mitte des 18. Jh. in einem Gefängnis am Salzgries versorgt werden („Narrenkötterlein“), später im Siechenhaus in St. Marx. Als schließlich der Narrenturm 1784 eröffnete, kamen aus St. Marx 66 Kranke in das neue Spital.

Behandlungen im Narrenturm

Tobende Patienten wurden mit Eisenketten "ruhig gestellt" (Symbolfoto)
Tobende Patienten wurden mit Eisenketten "ruhig gestellt" (Symbolfoto)

Pro Zimmer waren 2 Patienten untergebracht, die zu Beginn keine Tür zum Verriegeln besaßen.

Die „leisen“ Patienten durften sich in dem Gebäude frei bewegen, während die „lauten“, „tobenden“ und „unreinen“ Patienten in einzelne Zellen mit Bodenringen und Eisenketten zur Fixierung und Ruhigstellung „einquartiert“ wurden. 

Somit wurden hier ebenso, wie im restlichen Allgemeinen Krankenhaus, eine Klassenunterscheidung (im Allgemeinen Krankenhaus gab es 4 Klassen) zwischen „braven“ und „bösen“ Patienten gemacht.

Die „Bösen“ zählten hierbei zu den schweren geisteskranken Fällen.

Ebenfalls wurden die Patienten der unterschiedlichen „Klassen“ räumlich voneinander getrennt- im Erdgeschoß befanden sich die ruhigeren Patienten - diese litten beispielsweise an Melancholie. Im ersten Stock befanden sich Patienten mit Kriegstraumata, einer so genannten posttraumatischen Belastungsstörung. Auf den Punkt gebracht: je höher das Stockwerk, desto schwieriger die Fälle. Diese Anordnung der Unterbringung hatte den Grund, dass Insassen mit „auffälligeren“ Geisteserkrankungen meist lauter waren und der von ihnen verursachte „Lärm“ in den oberen Stockwerken weniger zu hören war als unten.

 

Im Laufe der Zeit wurden die Ketten durch Gurte oder Zwangsjacken abgelöst. Sogar Zimmertüren mit kleinen Sichtfenstern wurden eingebaut. Ab diesem Zeitpunkt erhielten die Zimmer mit den Türen eher den Charakter von Gefängniszellen.

 

Zu den behandelnden Krankheiten zählten meist Manie, Melancholie, Phrenitis, Tobsucht, Tollheit, Unsinnigkeit und Wahnwitz. Sogar die „Verschleimung des Geistes“ und die „Schwarzgalligkeit“ wurden zu den Geisteskrankheiten gezählt.

Werkzeuge für den Aderlass, eine Methode zur Reinigung des Körpers
Werkzeuge für den Aderlass, eine Methode zur Reinigung des Körpers

Trotz der barbarisch erscheinenden Unterbringung der Kranken stellte die Errichtung des Narrenturms eine wichtige Verbesserung in der Behandlung der „Irren“ dar. Erstmals wurden sie als Kranke und nicht als „Besessene“ angesehen.

Doch der wichtige Fortschritt kam nur in kleinen Schritten – erst 1817, also 30 Jahre nach Erstbezug des Narrenturms, wurde ein leitender Arzt ernannt. Bis dahin wurden die Kranken von jungen Ärzten des AKHs mitversorgt. Das primäre Ziel war die Ruhigstellung der „Insassen“.

 

Die medizinische Behandlung der Geisteskranken war sehr bescheiden – es wurden Diäten, Aderlass, Verabreichung von Abführmittel, kalte Güsse, Eiswasserklistieren und Hydro-Therapie verschrieben. Ob die Patienten ebenfalls mit Schocktherapien behandelt wurden, ist bis heute noch umstritten. 

Die Entwicklung des Narrenturms

Der Narrenturm wurde bis 1866 aktiv für „unruhige Geisteskranke“ eingesetzt. Parallel dazu gab es bereits in Niederösterreich die Landesirrenanstalt in Brünnelfeld und die psychiatrisch-neurologische Universitätskliniken in Wien (heute Gebiet Neues AKH). Ab 1866 befanden sich nur mehr die Unheilbaren im Narrenturm. Kurze Zeit später (1870) wurde das Gebäude als Lager genutzt. Ab 1920 wurde der Narrenturm als Personalwohnhaus für Krankenschwestern und Ärztinnen verwendet. 50 Jahre später wurde die anatomisch-pathologische Sammlung untergebracht und fungierte seit 1974 als Museum. Heute wird das Gebäude parallel zum Museum als Werkstätte für verschiedene Handwerker genutzt.

 

Seit 2012 ist das Museum Teil des Naturhistorischen Museums und stellt mit seiner Sammlung von mehr als 50.000 anatomisch-pathologischen Exponaten das größte seiner Art dar. Bis heute hat der Narrenturm seine düstere und auch etwas unheimliche Aura nicht verloren und der eine oder andere betritt das Gebäude nur mit einem flauen Bauchgefühl. Nichts desto trotz ist der „Guglhupf“ ein wichtiger Bestandteil von Wiens Geschichte und ein lehrreiches und beeindruckendes Museum und somit auf jeden Fall einen Besuch wert!


Text: Mag. Katharina Oremus, MSc.

Magistra der Klassischen Archäologie und Master of Science der Biologischen Anthropologie

Text: Sarah Ambichl, BSc.

Teil des ArchäoNOW-Teams 


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